Soll man Medikamente einnehmen?

Diese Frage kann in den meisten Fällen der Störungen, die Menschen zum Psychiater führen mit ja beantwortet werden. Der Grund liegt in der Schwere der Symptome, die Sie quälen. Die Menschen der Umgebung und auch die Medien mögen Ihnen eher abraten und Ihre Symptome als „normal“ einschätzen. Wer von uns kennt nicht Stimmungsschwankungen, „schlechte Tage“, Faulheit, Ängste oder ein besonderes Kontrollbedürfnis. Aber die Symptome quälen Sie wahrscheinlich so sehr, dass sie Ihre Lebensbewältigung beeinträchtigen und Sie deshalb einen Fachmann aufgesucht haben.

Sollte sich im diagnostischen Gespräch herausstellen, dass Ihre Symptome vielleicht nur mild sind oder auf andere Weise behandelt werden können, werde ich Ihnen die Einnahme eines Medikaments nicht empfehlen. Denn jedes Medikament, auch wenn es noch so modern und gut verträglich ist, birgt auch die Gefahr unerwünschter Nebenwirkungen (… haben Sie bereits einmal den Beipackzettel von Aspirin gelesen?!). Wenn man also darauf verzichten kann, dann sollte man es auch tun.

Leider neigen viele seelische Erkrankungen aber dazu, chronisch zu werden, wenn man sie nicht behandelt.
  • Ängste und Zwänge weiten sich auf immer mehr Situationen aus, was den Lebensraum immer weiter einschränkt.
  • Jede weitere schizophrene Episode führt über die Jahre gesehen zu einem Verlust an Vitalität, Interesse, sozialer Kompetenz und letztendlich oft zu sozialem Abstieg.
  • Depressive Störungen chronifizieren und führen zu einem Verlust der Lebensfreude, der Freunde und der Arbeitsfähigkeit. Oft erleben Patienten die langen Zeiten der Düsternis auch so schlimm, dass sie beschließen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. 
  • Bei den Hirnleistungsstörungen sind es oft die Angehörigen, die darunter leiden, dass die Patienten allmählich immer weniger sie selbst sind und schließlich niemanden mehr erkennen.

Viele dieser Verläufe könnten anders sein, wenn konsequent eine moderne Behandlung erfolgen würde.

Vor dem Glauben an Wunder möchten wir hier warnen. Immer wieder einmal können wir Patienten nicht helfen, und immer wieder einmal können Patienten sich nicht helfen lassen. Viele Ängste aber, die im Zusammenhang mit einer Behandlung mit „Psychopharmaka“ bestehen, können vielleicht hier oder in einem Gespräch zerstreut werden. Manche dieser Ängste entstammen einer Zeit, als die Lebensqualität der Patienten weniger im Interesse der Behandlung stand als lediglich die Beseitigung der Symptome (auch wir Psychiater waren früher allerdings froh, wenigstens die Symptome behandeln zu können).


Eine Anmerkung erscheint uns noch besonders wichtig:

Wir alle erwarten von Medikamenten einen schnellen Wirkungseintritt, so wie wir ihn von Schmerzmitteln oder Antibiotika her kennen. Einige Psychopharmaka werden diesem Anspruch auch gerecht, beispielsweise Schlafmittel und Beruhigungsmittel. Medikamente gegen Psychosen oder Depressionen entfalten ihre Wirkung allerdings oft erst nach Tagen oder Wochen. Bevor man also sagt, „das Medikament wirkt nicht“, sollte man es eine ausreichend lange Zeitspanne eingenommen haben.